brain-770044_1920Warum das alles nicht so harmlos ist …

Ich höre immer wieder von Freunden und bekannten – warum ich mich überhaupt dafür einsetze, dass wir uns gut überlegen müssen was gerade in der digitalen Welt passiert und warum wir uns für die Rechte im digitalen Raum einsetzen.

Es ist deswegen enorm wichtig, weil unser gesamtes Gesellschaftssystem davon abhängt. Was der Brexit und Donald Trump damit zu tun hat wollen wir uns ansehen.

Datenschutz – ein sperriger Begriff – bei dem viele unsicher sind. Man behindert den Fortschritt, und die Befürchtungen seien doch allesamt übertrieben. Was soll schon passieren? Ich bekomme Werbung die mich interessiert, statt welcher die ich nicht sehen will.

Der Psychologe Michael Kosinksy hat nachgewiesen, dass 150 Likes auf Facebook ausreichen, um eine Person besser zu kennen als seine Eltern. Dabei geht es nicht nur um harmlose Dinge, wie welcher Fan einer Musikgruppe man ist, oder was man gerne isst, sondern um intime Bereiche des eigenen Lebens (wie z.B. sexuelle Orientierung, Religionszugehörigkeit, und ob die Eltern geschieden worden sind).

Psychometrie

Zurück geht dies auf die Ocean Methode, die die Charakteristika von Menschen auf fünf Dimensionen zurückführt: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Diese Methode wird seit geraumer Zeit angewendet. Ich selbst habe auch schon ein derartiges Persönlichkeitsprofil von mir – durch Tests – entwickelt bekommen. Unternehmen verwenden diese Methode um die passendsten Mitarbeiter für bestimmten Tätigkeitsbereiche innerhalb eines Unternehmens zu finden. Diese Methode nennt man Psychometrie (also das Vermessen der menschlichen Psyche).

Big Data erlaubt nun – öffentliche Informationen (aus Facebook sowie anderen öffentlich zugänglichen Quellen, aus Handy Apps, sozialen Kontakten) zu verknüpfen und für Millionen von Menschen derartige Persönlichkeitsprofile zu erstellen (ohne dass es diese Menschen überhaupt wissen). Unternehmen oder Organisationen die solche Profile anlegen – wissen also mehr über uns als unsere Eltern, unsere Partner, und auch als wir selbst.

Wer sich jetzt fragt, was das mit unserer Gesellschaft zu tun hat – sehr viel. Wenn man die Bürger eines Landes besser kennt als sie selbst, dann kann man dieses Wissen auch dazu nutzen sie zu beeinflussen. Genau das tut ein Unternehmen mit dem Namen “Cambridge Analytika”. Dieses Unternehmen hat sich darauf Spezialisiert das Wahlverhalten von Bürgern zu beeinflussen. Cambridge wurde sowohl von Nigel Farrage als auch von Donald Trump beauftragt – die jeweiligen Wahlkämpfe zu organisieren.

Es existieren mittlerweile Persönlichkeitsprofile von allen Menschen in einem Land. Früher wurde Wahlwerbung demographisch organisiert. Also alle jungen Frauen in einem Land haben die gleiche Botschaft bekommen. Jetzt können die Werbebotschaften exakt auf die Zielperson zugeschnitten werden. Die Bedürfnisse und Ängste einer Person werden genau mit den Botschaften “bespielt” die notwendig sind, das Wahlverhalten der Person in die gewünschte Richtung zu beeinflussen.

Wenn man Wählerschichten nicht für seinen eigenen Kandidaten beeinflussen kann, dann kann man sie zumindest so beeinflussen dass sie nicht zur Urne gehen. Im US Wahlkampf wurden z.B. in Miamis Stadtteil “Little Haiti” – die Wähler und Wählerinnen von Trump mit Informationen über das Versagen der Clinton Stiftung bei der Erdbebenhilfe in Haiti versorgt. Die Wähler wählen zwar Trump vermutlich aufgrund seiner Ausländerfeindlichkeit nicht. Wenn er es also schaffen kann sie davon abzuhalten Clinton zu wählen, weil sie Verärgert sind, dass nicht rasch genug geholfen wurde, hat er schon gewonnen.

Der Wahlkampf hat sich also von den Massenmedien in soziale Netzwerke verlagert. Aber auch die Wahlhelfer werden mit Handy Apps ausgestattet, die ihnen genau die Wählerprofile der besuchten Häuser anzeigen. So können sich die Wahlhelfer konkret auf unentschlossene Wähler fokussieren und ihre wertvolle Zeit nicht vergeuden. Die Wahlhelfer werden mit Gesprächsleitfäden für einzelne konkrete Personen versorgt. Die Antworten in den Diskussionen der Wähler werden wieder in das zentrale Datenpool eingespeist und verbessern die Datenqualität.

Die Welt hat sich verändert. Wir sollten uns überlegen wie wir damit umgehen. Die Digital Society nimmt diese Veränderungen mit großer Besorgnis wahr und unsere Gesellschaft (also wir alle) müssen damit umgehen lernen und Regeln und Methoden entwickeln, die sicherstellen dass die Grundfesten unserer Gesellschaft – wie die Demokratie – auch noch in Zukunft funktionieren. Der Brexit und die Wahl Donald Trumps zeigen, dass die Manipulation breiter Wählerschichten mittlerweile technisch lösbar ist.

Nachsatz: Kritiker merken an, dass die Aussagen von Cambridge Analytika nicht bewiesen sind. Es wurde wissenschaftlich nicht bestätigt, dass die Methoden einen Einfluss auf das Wahlergebnis hatten.

Weiterführende Informationen:
Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt. (Das Magazin, 3.12.2016)

Dem Netz ausgeliefert (Die Welt 12/2016)

Was an dem Bomben Artikel, den alle geteilt haben falsch ist (Vice 12/2016)

The Power of Big Data and Psychographics (Alexander Nix, CEO Cambridge Analytica)

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Werner Illsinger

Präsident bei Digital Society
Die Vorteile der digitalen Technologien zu verbreiten und eine kritische Auseinandersetzung zu fördern, ist die Mission von Werner Illsinger seit er in den 80er Jahren die HTL für Nachrichtentechnik absolviert hat. Er hat einen der ersten Internet Provider in Österreich aufgebaut, hat Erfahrung im Vertrieb, Management und Geschäftsführung bei internationalen Konzernen,ist Referent und Vortragender bei nationalen und internationalen Veranstaltungen und Konferenzen, ,sowie Präsident der DigitalSociety.
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